Schön ist nicht schön

Verwundert haben wir uns die Augen gerieben, als wir die Potsdamer Zeitungen am Dienstag aufschlugen, egal ob MAZ oder PNN. Eintausend Menschen demonstrierten am Montag bzw. machten Herrn Hasso Plattner ihre Aufwartung. Die Medien überschlugen sich vor Begeisterung. Eine überwältigende Mehrheit der Potsdamer Bevölkerung sei auf der Straße gewesen, um Herrn Plattner davon zu überzeugen, doch seine Kunsthalle auf dem Gelände des Mercure Hotels zu errichten und damit by the way dafür zu sorgen, dass dieser Schandfleck in der historischen Mitte endlich verschwinden möge.

Schon beim Stadtschloss haben wir solche Überwältigenden Mehrheiten, von 40% in der Abstimmung erleben dürfen.  Die einzige Überwältigende Mehrheit würde sich ergeben wenn Wahlrechte wieder nach Vermögen gestaffelt werden.

Überwältigende Mehrheit? 1000 Menschen in einer Stadt von 160 000 EinwohnerInnen? Unsere Demonstration für Mietenstopp am 2.Juni brachte über 2500 Menschen auf die Straße und wir wären nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass wir damit die Mehrheit oder gar der überwältigenden Mehrheit der PotsdamerInnen repräsentieren.

Aber das ist so eine Sache mit den Definitionen. Der Verein Mitteschön beansprucht seit Jahren für sich die Definitionsmacht darüber was in der Potsdamer Mitte als schön zu gelten hat. Schönheitsbegriff, quasi per Vereinsnamen. Aber dieser Name ist irreführend. Mitteschön geht es nicht um die Schönheit der Stadtmitte sondern um Exklusivität.
Potsdam soll bürgerlich schön werden, und das bedeutet vor allem teuer. Da ist kein Platz mehr für die, die einen wilden Garten hinterm Haus schöner finden als eine Carport mit Sonnencollectoren auf dem Dach. Kein Platz mehr für bunte Wände, spielende Kinder, tratschende Rentnerinnen auf dem Bürgersteig, kein Platz mehr für die, die einfach so auf der Bank den Tag vertrödeln statt in den
chicen Boutiquen viel Geld auszugeben.

Unter den AufruferInnen und UnterstützerInnen dieser Demo und im Verein Mitteschön selbst sind viele ImmobilienbesitzerInnen, die ein ureigenstes Interesse an einer Steigerung der Immobilienpreise haben. Ihr Verwertungsinteresse ist es, was u. a. zu dieser unsäglichen Entwicklung auf dem Potsdamer Mietermarkt führt. Auch dagegen haben wir am 2. Juni demonstriert.

Mitteschön hat seine Demo Aufstand der Vernunft genannt und damit die Definitionsgewalt für den Begriff Vernunft beansprucht. Darüber was Vernunft sein soll, gibt es unzählige philosophische Abhandlungen. Es ist ganz schön anmaßend von Mitteschön, den Aufstand der Vernunft auszurufen. Ist es vernünftiger, das Hochhaus am Lustgarten abzureißen – immerhin ein 17 stöckiges Gebäude, das voll funktionsfähig ist – statt dort zentrale und preisgünstige StudentInnenenwohnungen einzurichten?

Das Mercure Gebäude wird in der öffentlichen Diskussion als DDR Architektur mal diffamiert mal bejubelt. Aber unterscheidet sich dieser Bau von den vielen hunderttausend anderer Gebäude die deutschland- und europaweit zu der Zeit gebaut wurden? Überall, in allen europäischen Großstädten findet man in zentraler Lage solche Gebäude. Und in Frankfurt am Main findet man sie  zu Hauf. Aber gut, das sind ja auch Bankgebäude, da würde Mitteschön nicht mal im Traum auf die Idee kommen, deren Schönheit anzuzweifeln. Denn das sind die Tempel des Geldes und der Finanzen.

Unser Oberbürgermeister Jahn Jakobs hat sich deutlich positioniert. Er hat sich zu den Schönen und Reichen gesellt. Das ist nicht weiter verwunderlich. Natürlich gibt es aus dieser Ecke sehr viel mehr Spendengelder für seine Partei, als von den TeilnehmerInnen unserer Demo. Und die nächste OB Wahl ist erst 2018, bis dahin erinnert sich vermutlich auch keiner mehr an seine Worte zur Mietenstopp Demo und zur Mietenproblematik: „Jetzt helfen keine Sprüche mehr“. Eine Aussage, die wir grundsätzlich unterstützenswert finden.

Als Herr Jauch seine Rede mit den Worten begann: „Mich haben 2 Dinge sprachlos gemacht….“, da haben vermutlich viele Menschen auf dem Platz aufgeatmet und gehofft, dass damit von seiner Seite alles gesagt ist. Aber er hat trotz Sprachlosigkeit weiter geredet. Und wie das dann mit der Sprachlosigkeit so ist: wenn man nichts zu sagen hat, dann sollte man einfach mal den Mund halten. Seine Brandrede gegen den Stalinismus kommt schlicht 50 Jahre zu spät. Und dass ausgerechnet die Liebhaber altbackener preussisch-barocker Fassadenarchitektur den Gegnern eines Mercure-Abrisses Rückwärtsgewandtheit vorwerfen, ist einfach nur skurril.

Vor wenigen Tagen wurde – auch in der PNN – der aktuelle Armutsbericht veröffentlicht. Ein knappes Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung ist von Armut betroffen. Wenn man die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung stellt, dann kommt man an einer Tatsache nicht vorbei. Solange es in dieser Gesellschaft möglich ist, dass ein einzelner Mensch wie Hasso Plattner sich ein Privatvermögen von geschätzten 7 Milliarden Euro anhäufen kann, solange wird es auf der anderen Seite auch Armut geben. Es gibt kein Land in der EU, in der die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten 20 Jahren weiter auseinander gedriftet ist, als in der Bundesrepublik Deutschland.

Aus unserem Bündnis ist keine/r rückwärtsgewandt, ganz im Gegenteil: Wir haben die weltweiten politischen Entwicklungen der letzten Jahre, z. B. den arabischen Frühling positiv zur Kenntnis genommen. Dass die Armen und Perspektivlosen sich erheben und die reichen Oligarchen aus dem Land jagen, hat uns erfreut und politisch inspiriert. Wir freuen uns sehr auf einen weltweiten Frühling.

Mietenstopp jetzt! Wohnraum darf keine Ware sein!

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